Erinnerung wachhalten

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Esther Bejarano: Holocaust-Überlebende liest in Rastatt aus ihren Erinnerungen

Den Vorsitzenden der beiden Stolpersteininitiativen von Rastatt und Kuppenheim, Marcel Müller und Heinz Wolf, ist es (mit Unterstützung der Stadt Rastatt und der SPD-Stadträtin Sybille Kirchner) gelungen, eine der letzten Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano für zwei Lesungen in Verbindung mit jeweils einem Konzert „gegen Rechts“ in Rastatt zu engagieren. Am 27. April 2017, 20 Uhr, Reithalle Rastatt, wird die 92-Jährige aus ihrem Buch „Erinnerungen: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“ lesen. Eintritt: 10 Euro, Schüler 5 Euro.

Am Tag darauf, 28. April 2017, 11 Uhr, ist eine Lesung, verbunden mit einem Rap-Konzert, in der Aula des Ludwig-Wilhelm-Gymnasiums für Rastatter Schüler vorgesehen. Der Eintritt hierfür ist frei.

Allianz gegen das rassistische Gift. Bejaranos  Lebenserinnerungen, ihr Kampf gegen das Vergessen, gegen Ausländerfeindlichkeit gegen Antisemitismus und Neonazismus werden musikalisch und lyrisch umrahmt von der multikulturellen Musikgruppe Microphone Mafia. Die Musiker und Bejarano, die Akkordeonspielerein von Auschwitz, setzen auf ihrer Tournee durch Deutschland auch Zeichen gegen Gewalt, Rassismus und setzen sich für Frieden, Menschlichkeit und Toleranz ein.

Musizieren an der Rampe zur Gaskammer. Esther Bejarano überlebte die unfassbare Grausamkeit des Vernichtungslagers Auschwitz als Musikerin im weiblichen Häftlingsorchester, dem „Mädchenorchester von Auschwitz“, und konnte auf einem Todesmarsch fliehen. Sie musste musizieren, während die Arbeitskolonnen durch das Lagertor marschierten und die Transporte für die Gaskammern ankamen. Sie ging „durch die Hölle“, brauchte Jahre, bis sie über diese Zeit sprechen konnte.

Esther Bejaranos – Häftlingsnummer 41947 Auschwitz – Erinnerungen: „Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager “Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami” zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen.“

„Aber es kam noch schlimmer. Die SS befahl uns, am Tor zu stehen und zu spielen, wenn neue Transporte ankamen in Zügen, in denen unzählige jüdische Menschen aus allen Teilen Europas saßen, die auf den Gleisen fuhren, die bis zu den Gaskammern verlegt wurden und die alle vergast wurden. Die Menschen winkten uns zu, sie dachten sicher, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war die Taktik der Nazis. Sie wollten, dass all die Menschen ohne Kampf in den Tod gehen. Wir aber wussten, wohin sie fuhren. Mit Tränen in den Augen spielten wir. Wir hätten uns nicht dagegen wehren können, denn hinter uns standen die SS-Schergen mit ihren Gewehren.“

Esther Bejarano, Mitbegründerin und Vorsitzende des Internationalen Auschwitz-Komitees und Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes erhielt für ihre jahrzehntelange aufklärerische Arbeit  und für ihren mutigen und aufopferungsvollen Kampf gegen „Rassismus, Intoleranz und Gewalt“ vielfältige Ehrungen: Carl-von-Ossietzky-Medaille, Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, Verdienstkreuz I. Klasse, Herbert-Wehner-Medaille, Clara-Zetkin-Frauenpreis, Großes Bundesverdienstkreuz und Blue Planet Award der Stiftung Ethik & Ökonomie

Besinnliche Gedenkstunde

Zu einer eindrucksvollen Gedenkstunde versammelten sich am 9. November 2013 rund 60 Rastatter auf dem Marktplatz. Der neu gegründete Verein „Initiative Stolpersteine Rastatt“ hatte eingeladen, zum 75. Jahrestag der Pogromnacht ein deutliches Zeichen zu setzen. „Gewalt und Hass dürfen nie wieder die Oberhand gewinnen“, forderte Vorsitzender Marcel Müller in seiner Ansprache.

Eine besondere Note erhielt das Gedenken durch das Musikerduo, das Pfarrer Ralf Dickerhof verpflichtet hatte: Armin Kraus (Klarinette) und Michael Kress (Gitarre) umrahmten die Veranstaltung mit Klezmer-Musik. Vereinsmitglieder erinnerten mit Textbeiträgen an das immer noch unfassbare Geschehen vor 75 Jahren: Sybille Kirchner trug einen Abriss der Geschichte des jüdischen Lebens von den Anfängen bis zum Ende der Naziherrschaft vor, Klaus Winterhoff rezitierte ein Gedicht von Bertolt Brecht, über die Ereignisse am 9. und 10. November 1938 informierte H. Seidel. Stadtarchivar Oliver Fieg erinnerte an das Schicksal von Josef Mayer (Mayer-Seppel), der unter anderem Vorsitzender der GroKaGe und Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr war. Das schützte ihn nicht davor, dass 1938 sein Tabakgeschäft in der Josefstraße vom Nazipöbel verwüstet wurde. Josef Mayer und seine Frau wurden ins Konzentrationslager Gurs deportiert, wo sie starben.

Zum Ende der Gedenkstunde wurden die Namen der in Konzentrationslagern ermordeten Juden verlesen. Karten mit den Namen der Ermordeten wurden im Kerzenkreis niedergelegt. Ulla Oelschläger las noch ein Gedicht einer jüdischen Dichterin vor, bevor die Gedenkfeier mit dem Geläut der Glocke von St. Alexander ausklang.

Pogrom_GedenkenMit Klezmer-Musik umrahmten Armin Kraus und Michael Kress (rechts) die Gedenkstunde.    Fotos: Frank Vetter

Pogrom_GedenkenKarten mit den Namen der von den Nazis ermordeten Juden wurden in der Mitte des Kerzenkreises niedergelegt.