Familie Dreyfuss/Ettlinger

2012-09-28 12.52.06Eines der Häuser, vor denen „Stolpersteine“ verlegt werden, ist das Haus Kapellenstraße 17, schräg gegenüber der Einsiedelner Kapelle. Hier wohnte ab 1931 die Familie Dreyfuß/Ettlinger. Der Kaufmann Leofried Dreyfuß war laut dem städtischen Melderegister zusammen mit seiner Frau Herta geb. Ettlinger und seinen Kindern Max Gerhard und Lotte aus Frankfurt nach Rastatt gekommen. Lange konnte die Familie aber nicht in Rastatt bleiben. Im Juli 1933 emigrierte Leofried Dreyfuß nach Straßburg und von dort nach St. Dié in den Vogesen, wohin er im Oktober seine Familie nachholte.

Das Leben dieser Familie im Exil ist recht gut dokumentiert. Über 30 Jahre nach Kriegsende trafen sich die Nachkommen der Familie, um eine Familienchronik zu erarbeiten. Die Kinder, die zum Zeitpunkt der Emigration neun und sechs Jahre alt waren, nannten sich jetzt Gerard und Charlotte. Sie recherchierten vor Ort in St. Dié und Lunéville und sie konnten noch ihren Vater, damals schon fast 90 Jahre alt, befragen. Diese Recherchen trugen sie zu einer Chronik zusammen.

Danach hatte Leofried Dreyfuß an der Frankfurter Börse gearbeitet. Nach dem Zusammenbruch der  Börse fand er 1931 eine Anstellung bei der Baden-Badener Warenhauskette Lipsky und kam so mit der Familie nach Rastatt. Nach Darstellung der Dreyfuß-Kinder war Rastatt „in jenen Jahren ein gefährliches Zentrum des Nationalsozialismus“. Gerard erinnert sich an einen Artikel im „Festungsboten“, einem in Rastatt erscheinenden Hetzblatt: Sein Vater hatte in der Murg geangelt. Darüber berichtete der „Festungsbote“, „dass man den Juden Dreyfuss im trüben Wasser fischen sehen konnte“. Dass der Antisemitismus in Rastatt so ausgeprägt gewesen sei, betrachtet Gerard aber als Glück für die Familie: „Die Juden in Rastatt erkannten die Gefahr früher.“

Nachdem „Onkel Leopold und Onkel Jakob“ gefangengenommen worden seien, habe sich sein Vater entschlossen, nach Straßburg auszuwandern. Doch in Straßburg erhielt Leofried Dreyfuß keine Aufenthaltsgenehmigung. Die Behörden teilten ihm mit, dass er sich mindestens 85 Kilometer von Straßburg entfernen müsse. So kam Dreyfuss nach St. Dié in den Vogesen. Dort lernte er einen anderen deutschen Flüchtling namens Weissmann kennen. Da der zwar Geld hatte, aber kein Französisch konnte, während Dreyfuss zwar mittellos war, aber „fließend Französisch sprach“, ergänzten sich beide in der gemeinsamen Firma „Filetsac“, die sie gründeten. Sie mieteten einen Speicher und ein paar Nähmaschinen und begannen, Einkaufsnetze zu produzieren. Nach einem Jahr entzweiten sich Dreyfuss und Weissmann. Leofried Dreyfuss zahlte seinen Partner aus und war so der alleinige Besitzer der Firma. Zur gleichen Zeit lernte er einen anderen deutschen Flüchtling namens Müller kennen. Der hatte offenbar reichlich Kapital und kaufte sich in die Warenhauskette „Unifix“ ein. Da Leofried Dreyfuss Erfahrung in der Leitung von Warenhäusern hatte, bot Müller ihm die Leitung des Unifix-Kaufhauses in Lunéville an. Ein Jahr lang pendelte er täglich von St. Dié aus nach Lunéville zur Arbeit, dann mietete er ein „schönes großes Haus“ in Lunéville, wo die Familie im Februar 1937 einzog. 1938 kam dann noch die Großmutter Helene Ettlinger, deren Mann bis 1933 ein alteingesessenes Eisenwarengeschäft in Rastatt gehabt hatte, nach Lunéville. Bis 1940 blieb die Familie dort. Wie es dann weiterging, erzählt die Chronik der Dreyfuss-Kinder nicht. Lediglich ein Hinweis auf einen Flug 1940 lässt vermuten, dass die ganze Familie aus Frankreich ausgewandert ist – wohin, ist nicht mehr zu ermitteln.

In der Chronik ist von mehreren weiteren Familienangehörigen die Rede – unter anderem auch von „Onkel Juller“. Dabei dürfte es sich um den 1902 in Rastatt geborenen Julius Ettlinger handeln, der laut Gedenkbuch 1940 ins Internierungslager Gurs und später ins Sammellager Drancy kam. Am 12. August 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er zehn Tage später ermordet wurde.